CORPORATE FINANCE
Stand: September 2018

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CF vom 24.09.2018, Heft 09-10, Seite M1, CF1280764
Corporate Finance > Gastkommentar

Sprunginnovationen – Ist eine Finanzierung in Deutschland möglich?

Prof. Dr. Dirk Honold

Prof. Dr. Dirk Honold ist Schriftleiter und Mitherausgeber der CORPORATE FINANCE und Professor für Unternehmensfinanzierung an der Technischen Hochschule Nürnberg.

Prof. Dr. Dirk Honold

Ende August wurde vom Bundeskabinett die Gründung einer Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen beschlossen. Die ausgezeichnete Wissenschaft in Deutschland verdient Unterstützung zur Verwertung ihrer Ergebnisse durch Wirtschaft, Staat und Kapitalgeber. Finanzierung war und ist dabei ein kritischer Faktor, denn trotz hoher verfügbarer Geldmassen fehlt bei hohem Risikograd und längerer Entwicklungsphase der Innovation oft das Kapital zur Finanzierung. Dies kann zur Abwanderung von Start-ups mit hohem Innovationspotenzial, inklusive deren Top-Manager und Entwickler ins Ausland führen, so z.B. geschehen bei Evelozcity.

Dabei unterstützt die öffentliche Hand, mit einer Beteiligung an schätzungsweise rund der Hälfte der Risikofinanzierungen in Deutschland, bereits stark: HTGF, Bayern Kapital, die MBGs und coparion leisten viel. Der INVEST-Zuschuss für Wagniskapital (siehe S. 253) fördert sowohl das Investment als auch den Exit, bisher jedoch nur für Business Angels. Mit der jetzt konkret angedachten Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung wird sicherlich das Problem des Risikos und der Vorfinanzierung reduziert, so dass die Finanzierung einfacher wird, aber für Start-Ups ist dies nicht hinreichend. Die Gegenfinanzierung insbesondere für Sprunginnovationen mit großen Kapitalvolumina und der Exit werden weiterhin schwierig bleiben.

Einzelinvestments deutscher VC-Fonds in junge, disruptive Unternehmen überschreiten nur selten 10 Mio. €, da die Fonds nicht die entsprechende Größe haben und deshalb die Risiken nicht tragen können. Anders ist das bei Investments in Unternehmen, die bereits einen höheren Umsatz erzielen und bei welchen die Gewinnschwelle oder nachhaltige Deckungsbeiträge zumindest greifbar sind. Das Risiko des Unternehmens sinkt: Nicht (mehr) technische Risiken, sondern primär Markteintrittsrisiken sind maßgeblich. Dies gilt insbesondere für einige digitale Geschäftsmodelle, „Schnelldreher“, die aber eher keine Sprunginnovation haben. Teilweise wagen sich jetzt sogar Private Equity Investoren an diese Unternehmen heran, was begrüßenswert ist.

Auf internationaler Ebene hingegen gibt es sehr große VC-Fonds und starke Pre-IPO-Investoren, die eine durchgängige Finanzierungskette bis zum Börsengang auch bei Start-Ups mit Sprungsinnovationen schaffen. Genau daran fehlt es in Deutschland, denn die Börse erwartet mit Listing i.d.R. mindestens ¼ Mrd. € Marktkapitalisierung und bis dahin schaffen es viele Start-Ups nicht. Zwar wurde das Börsensegment „Scale“ geschaffen, aber die Rahmenbedingungen müssen auch hier verbessert werden, um mehr Risiko über die neue Plattform finanzierbar zu machen. Möglichkeiten wären z.B. die Ausweitung des INVEST-Zuschusses für Kapitalanleger auf „Scale“ oder die Wiederherstellung der Nicht-Besteuerung von Kapitalgewinnen nach mehr als einem Jahr Anlagedauer. Bildlich gesprochen haben wir mit „Scale“ ein Fußballstadion erhalten, mit den Start-Ups als Teams auf dem Spielfeld, nur keine Zuschauer, im Sinne von Investoren, die Eintritt zahlen. Ohne ein potenzielles Exitfenster wird auch eine Option zum unabhängigen, nachhaltigen Aufbau der Unternehmen genommen: In solch einem Umfeld gäbe es Google und andere Unternehmen wohl heute so nicht, die aufgrund ihrer Aktienklassen zum Teil ähnlich unabhängig agieren können wie deutsche Familienunternehmen.

Die wachsenden Aktivitäten der Konzerne und Großunternehmen im Bereich Corporate Venture Capital und M&A können ein weiterer Schlüssel zur Verbesserung der Rahmenbedingungen sein. Auch hier gibt es jedoch noch „Luft nach oben“. Eine höhere Anerkennung von Zukunftspotenzialen börsennotierter, deutscher Konzerne – wie es z.B. in den USA der Fall ist – sowie eine bessere Würdigung dieser durch die implementierten Führungs-/Kontrollsysteme sind hier wünschenswert. Starke Einschnitte in die Gewinnentwicklung durch hohe und gegen das Eigenkapital laufende F&E-Aufwendungen für Zukunftspotenziale dürften bislang bei Eigentümern, Aufsichtsgremien und den aktuellen Controlling-Systemen nicht einfach durchsetzbar sein. Die Durchsetzbarkeit wird bei Familienunternehmen dadurch gelöst, dass teilweise der Eigentümer und CEO dies persönlich in die Hand nimmt. Bei notierten Konzernen werden deswegen Akquisitionen von Start-Ups erst in späteren, risikoärmeren Phasen erst vorgenommen. In der Zukunft könnte dieses Vorgehen aber teuer oder sogar zu teuer werden, wenn die Kapitalkraft nicht ausreicht. Moderne Modelle zur Auslagerung von F&E in VC-Fonds mit Kaufoption für das Unternehmen in einer späteren Phase (z.B. von Ely Lilly praktiziert) finden bei uns noch wenig Beachtung, obwohl hierdurch die anfänglich sehr hohen Entwicklungsrisiken für das Unternehmen gedämpft werden können.

Nur wenn Risiken bewusst auch für lange Zeiträume eingegangen, die Zukunftspotenziale anerkannt werden und die Finanzierungskette geschlossen ist, können Sprunginnovationen auch in Deutschland den Markt erreichen. Wenn wir in Deutschland wirklich so langfristig denken, was dem primär anglo-amerikanischen Shareholder Value Ansatz bei uns teilweise nicht zuerkannt wird, besteht hierfür Hoffnung. Jedoch bedarf dies sicherlich einer weiteren Verbesserung der Rahmenbedingungen, um die Risikobereitschaft bei Finanzierungen zu erhöhen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und hoffentlich viele neue, wertvolle Einsichten bei der Lektüre dieser Ausgabe der CORPORATE FINANCE!

Ihr Dirk Honold

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