CORPORATE FINANCE
Stand: Mai 2018

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CF vom 28.05.2018, Heft 05-06, Seite M1, CF1270114
Corporate Finance > Gastkommentar

Jenseits der Mogelpackung!

Prof. Dr. Dirk Schiereck

Prof. Dr. Dirk Schiereck ist Mitherausgeber von CORPORATE FINANCE sowie Leiter des Fachgebiets Unternehmensfinanzierung an der Technischen Universität Darmstadt und zugleich Research Fellow am REMI der European Business School (ebs) in Oestrich-Winkel.

Prof. Dr. Dirk Schiereck

Als Mogelpackung gilt gemeinhin ein Produkt, bei dem die Verpackung über den wahren Inhalt hinwegtäuscht. Diesen Vorwurf mussten sich bislang auch zentrale Indexprodukte der Deutsche Börse AG gefallen lassen. So enthält der MDAX eigentlich die nach den 30 DAX-Werten 50 nächstkleineren Aktientitel, es sei denn, ein Unternehmen gilt als Technologiewert, wie etwa die Aschheimer Wirecard, dann darf es nicht in den MDAX, sondern in den TecDAX. Im TecDAX sind eigentlich die größten deutschen Technologiewerte enthalten, es sei denn, die Unternehmen sind sehr groß. Dann werden sie, wie die SAP, in den DAX gesteckt. Logisch und konsequent oder doch Mogelpackung? Das mögen die Leser bitte selbst entscheiden.

Die Deutsche Börse sieht hier aber selbst inzwischen Handlungsbedarf, ruft auf zu Konsultationen und überlegt, ihre Aktienindexwelt neu zu strukturieren. Drei unlimitierte reine Größenindices mit DAX, MDAX und SDAX könnten es werden und daneben ein TecDAX, in den auch alle Technologiewerte rein dürfen, die schon in einem der anderen Indices enthalten sind, also auch die SAP. MDAX und SDAX sollen zudem auf 60 Werte aufgestockt werden, was am Ende aber immer noch auf weniger Indexunternehmen hinauslaufen wird, als es sie heute gibt, denn der TecDAX besteht dann überwiegend aus Unternehmen, die bereits in anderen Indices enthalten sind. Angesichts der immens hohen Bedeutung, die die allermeisten deutschen Unternehmen einer Indexzugehörigkeit beimessen und die unter MiFID II eines der wenigen Instrumente zur Erhaltung von Sichtbarkeit am Kapitalmarkt werden könnte, kann diese Indexneuordnung in ihrer Bedeutung kaum unterschätzt werden. Wenig überraschend ist es daher, dass der Geschäftsführer des Deutschen Investor Relations Verbandes (DIRK) Kay Bommer sich mächtig für die angedachte Neuordnung ins Zeug legt und zusätzlich eine Aufstockung von MDAX und SDAX fordert.

Aber ist die vorgeschlagene Neusortierung tatsächlich so vorteilhaft, dass das Ergebnis den nicht unerheblichen Aufwand lohnt? Die Frage erscheint fast schon rein rhetorisch. Natürlich lohnt sich der Ausstieg aus der Mogelpackung, und er ist schon lange überfällig! Die Neuordnung sorgt dafür, dass künftig alle vier Indices genau das beinhalten, was ihr Name verspricht. Die Verpackung entspricht dem Inhalt, und die bisherigen Inkonsistenzen der Indexkonstrukte werden beseitigt.

Diese Einschätzung wird leicht nachvollziehbar, wenn man sich die zentralen Indexfunktionen vergegenwärtigt. Ein Aktienindex erfüllt zunächst einmal eine Informationsfunktion, wenn er über die Entwicklung seines zugrundeliegenden Aktienkorbs im Zeitablauf berichtet. Da spielt die Anzahl der Indexmitglieder zwar eigentlich keine Rolle – abgesehen von der Berechnungsfrequenz: Der MDAX wird sekündlich berechnet, womit zu klären ist, wie eine Aufstockung des MDAX auf 60 Werte die Informationsfunktion in der sehr kurzen Frist beeinflusst. Hier sind zwei Effekte zu beachten, die beide positiv wirken würden. Mit zunehmender Zahl an Indexzugehörigen werden mehr Transaktionen in jede Berechnung des MDAX einbezogen, was die Informationsfunktion des Index fördert. Unterstützt wird dieser Effekt noch dadurch, dass durch die Einbeziehung großer, liquider TecDAX-Werte wie Wirecard, Software AG und United Internet das durchschnittliche Handelsvolumen pro Aktie trotz Indexausweitung stabil bleibt. Für den SDAX wird durch die MDAX-Absteiger und neu hinzukommende TecDAX-Wechsler die Transaktionsfrequenz sogar deutlich steigen. Die größere Zahl an Aktien fördert also die kurzfristige Informationsfunktion, was insbesondere dem SDAX zugutekommen wird.

Die zweite wesentliche Funktion eines Index ist die Benchmarkfunktion, für die ein Index seinen Konstruktionskriterien entsprechend repräsentativ sein muss. Der DAX repräsentiert die 30 größten deutschen Aktienwerte. Das stimmt schon heute. Der MDAX repräsentiert die 50 nächst kleineren Aktienwerte. Das stimmt – wie oben erwähnt – heute nur bedingt. Der TecDAX repräsentiert derzeit nicht die wichtigsten deutschen Technologiewerte. Das würde sich mit der vorgeschlagenen Neuordnung ändern. Im MDAX wären alle (!) großen Unternehmen unterhalb des DAX enthalten, im SDAX alle nächst kleineren Werte, der TecDAX wäre ein vollumfänglicher Technologieindex – und alle vier Indices repräsentieren das, was sie vorgeben zu repräsentieren. Durch die Aufstockung und höhere Liquidität der Einzelwerte in den Indices steigt vielleicht auch endlich das Angebot an ETFs unterhalb vom DAX und das in solchen passiven Produkten investierte Anlagevolumen deutscher Privatanleger. Dann würde die Indexneuordnung auch zur Förderung der Wertpapierkultur beitragen, zu der gerade erst wieder der Chef des Deutschen Derivateverbandes (DDV) Dr. Hartmut Knüppel die Finanzplatz-Community aufgerufen hat.

Es gibt also viele gute Gründe zu hoffen, dass die Deutsche Börse eine Indexentscheidung für Transparenz und Klarheit trifft.

Ich wünsche den Lesern dieser Ausgabe der CORPORATE FINANCE wieder viele spannende neue Einsichten!

Ihr Prof. Dr. Dirk Schiereck

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