CORPORATE FINANCE
Stand: Mai 2019

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CF vom 27.05.2019, Heft 05-06, Seite M1, CF1304778
Corporate Finance > Gastkommentar

Mittelstandsfinanzierung – Quo vadis?

Dr. Ingo Natusch

Dr. Ingo Natusch ist Mitherausgeber von CORPORATE FINANCE sowie Fachbereichsleiter der PBK Prüfungs- und Beratungsgesellschaft für das Kreditwesen mbH, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Köln.

Dr. Ingo Natusch

Das Finanzierungsverhalten mittelständischer Unternehmen ist im Zeitablauf recht konstant. Der Kapitalbedarf wird primär durch Innenfinanzierung, klassische Bankkredite, Leasing / Factoring und Gesellschafterdarlehen gedeckt. Aufwendigere Finanzierungsinstrumente werden verhältnismäßig wenig genutzt. Dies betrifft insbesondere Kapitalmarktinstrumente, wie z.B. der Börsengang und die Emission von Anleihen. Ein wesentlicher Grund hierfür ist die damit verbundene Publizitätspflicht. Lediglich bei der Kreditfinanzierung fand in den letzten Jahren eine leichte Verschiebung von der Bankfinanzierung zu Debt Funds statt, die Unternehmen Fremdkapital außerhalb des Finanzsektors zur Verfügung stellen.

Im Gegensatz zu dem stabilen Finanzierungsverhalten mittelständischer Unternehmen steht der zurzeit stattfindende Umbruch in der Finanzdienstleistungsbranche (wie z.B. im Retail Banking). Ist also der digitale Transfer von Finanzdienstleistungen für die Mittelstandsfinanzierung unerheblich? Dies ist eindeutig zu verneinen. Schließlich drängen in zunehmendem Maße neue Anbieter in den Markt, werden Finanzierungstechniken auf mittelständische Unternehmen herunterskaliert und neue Finanzierungsinstrumente entwickelt sowie über digitale Plattformen Anbieter und Nachfrager zusammengeführt. Zu den neuen Marktteilnehmern zählen die sog. FinTechs. Zu den FinTechs, die in Deutschland Dienstleistungen im Bereich der Mittelstandsfinanzierung anbieten, zählen u.a. Creditshelf, Compeon, Fincompare, Funding Circle, Lendico, Iwoca, PayPal, die Solaris Bank und Auxmoney, die ihr Produktangebot vor kurzem um KMU-Finanzierungen erweitert hat. Auch in anderen Ländern etablieren sich FinTechs mit ähnlichem Dienstleistungsspektrum, wie z.B. die britische OakNorth Bank, die 2015 ihre Banklizenz erhielt und Geschäfts- und Immobilienkredite für KMUs anbietet. Hinzu kommen noch die sog. BigTechs (wie z.B. Amazon), die ebenfalls an dem Geschäft im Bereich der Mittelstandsfinanzierung teilhaben wollen. FinTechs sind zurzeit zudem beliebte Investitionsobjekte und BigTechs verfügen über schier unermessliche finanzielle Ressourcen, die für den Know How-Aufbau in diesem neuen Geschäftsbereich und zum Aufbau von Geschäftsbeziehungen genutzt werden können.

Die Finanzierungstechnik Verbriefung wurde bislang lediglich bei großen Transaktionen eingesetzt. Seit November 2018 bietet das FinTech Acatus über seine digitale Debt Capital Markets-Plattform (unter anderem) die Möglichkeit, Kredite, die bisher nur schwer zu verbriefen waren, nun flexibel und je nach Bedarf sogar auf Einzelbasis am Kapitalmarkt zu refinanzieren.

Zu den finanztechnologischen Investitionsmöglichkeiten zählen auch Virtuelle Währungen, wie z.B. Bitcoin oder Ether. Für die Mittelstandsfinanzierung ist dabei weniger das Finanzinstrument Virtuelle Währung relevant, sondern die dahinter stehende Technologie, die für die Abwicklung internationaler Zahlungsströme genutzt werden kann. Sie hat das Potenzial gewachsene Prozesse, bei denen eine Vielzahl von Akteuren beteiligt sind, aufzubrechen. Des Weiteren gewinnen digitale Plattformen an Bedeutung. Sie haben einen entscheidenden Vorteil: Die Nachfrager gewinnen rasch einen Überblick über das Angebot und können individuell verhandeln. Darüber hinaus wird die Anzahl der in den Prozess involvierten Akteure deutlich reduziert. Während im Bereich der Immobilien- und Verbraucherkredite solche Plattformen bereits etabliert sind, werden Plattformen für Unternehmensfinanzierungen derzeit noch aufgebaut und weiterentwickelt. Z.B. hat die Börse Stuttgart kürzlich gemeinsam mit der Landesbank Baden-Württemberg eine digitale Plattform für die Emission von Schuldscheinen gegründet. Die Deutsche Bank hat die digitale Plattform BluePort, die auch Mitbewerbern angeboten wird, entwickelt. Über BluePort können Unternehmen ihre Geschäfte deutlich einfacher abwickeln.

Neben den vorgenannten Trends gibt es noch weitere Entwicklungen, die die Mittelstandsfinanzierung verändern werden. So hat die Nutzung von Big Data und Künstlicher Intelligenz das Potenzial, die von den Banken verwendeten Methoden zur Kreditprüfung zu verändern und die Risikobewertung verlässlicher zu machen. Ein Unternehmen wird somit deutlich schneller eine Entscheidung über seinen Kreditantrag erhalten. Ein Beispiel hierfür ist der von der Commerzbank entwickelte „Pay-per-Use-Kredit“. Hierbei handelt es sich um einen Investitionskredit, der sich in seiner Rückführung an der Maschinennutzung orientiert. Voraussetzung ist allerdings eine Programmierschnittstelle (Application Programming Interface; kurz API) zwischen Unternehmen und Banken, um die „Big Data Readiness“ zu verbessern.

Das Finanzierungsverhalten mittelständischer Unternehmen wird sich vermutlich nicht abrupt ändern. Die beschriebenen Trends führen jedoch zu einer „schöpferischen Zerstörung" (im Sinne von Schumpeter). Um langfristig im Markt zu bestehen, müssen sich sowohl die Banken als auch die Unternehmen anpassen.

Ich wünsche Ihnen ein genussvolles und ertragreiches Lesen der aktuellen Ausgabe von CORPORATE FINANCE!

Ihr Ingo Natusch

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